31 August 2009

Chapter 2

Lange konnten wir leider nicht am Strand bleiben, da wir ja erst am Nachmittag angekommen waren und der Tag sich langsam dem Ende neigte. In den nächsten Tagen haben wir aber ja viel Zeit faul am Strand zu liegen. Wir gingen erstmal zum Abendessen ins Hotel zurück. Zum Glück stellte sich das Hotel als Glücksgriff raus, es gab nichts schlimmeres als ein Hotel mit schlechtem Essen. Dann ärgert man sich zwei Wochen lang und trauert seinem Geld nach. Die Urlaubsstimmung wäre dann gleich gedrückt. Wir hatten ein drei Sterne Hotel gebucht aber da gab es ja noch große Unterschiede.

Abends wollten wir es langsam angehen lassen, es war ja auch erst unser erster Tag hier. Ich war jedenfalls nicht hier um mich 2 Wochen lang hemmungslos zu besaufen, dann hätten wir auch die Playa de Palma buchen müssen, hier schien sich der Sauftourismus in Grenzen zu halten. Wir setzten uns in ein Restaurant mit Meerblick und tranken gemütlich Cocktails während die Sonne im Meer versank. Hach, an den Anblick könnte ich mich gewöhnen! Um 11 hatten wir genug für den ersten Tag und liefen ins Hotel zurück. Morgen erstmal lange ausschlafen und dann würden wir morgen mit Sicherheit nicht schon um 11 ins Bett gehen. Juli war zu erst im Bad duschen also setzte ich mich derweil im Zimmer aufs Bett und schaltete den TV an. Ich wollte eigentlich nur mal sehen was in der Welt passiert war und suchte so was wie einen Nachrichtensender. Nach ein bisschen zapping blieb ich bei TVE hängen. Da würden mir meine Spanischkenntnisse direkt mal was nutzen. War doch schön, wenn man alles verstehen konnte. Ich schrieb nebenbei eine sms an meine Mutter, wollte ja mal ein Lebenszeichen von mir geben. Gestört wurde ich dann als ich den Name Rafa Nadal hörte. Hatte ich jetzt schon Halluzinationen oder wie?
Ich sah nach oben auf den TV und schluckte erstmal. Je mehr die zeigten umso nervöser wurde ich. Nach dem unglaublichen Sieg in Wimbledon gab es vor ein paar Tagen einen Empfang für Rafa in Manacor und so wie es aussah, kriegten sich die Medien überhaupt nicht mehr ein. Ich hatte mir alle Mühe gegeben nicht an ihn zu denken und jetzt das! Ich wusste ja, das mich das einholen würde egal wie viel Mühe ich mir auch gebe nicht daran zu denken. Es war komisch ihn im TV zu sehen obwohl ich ihn da nicht zum ersten mal sah. Noch komischer war was mit ihm inzwischen alles passiert war. Als ich damals Mallorca verlassen habe wusste ich ja wie gut er Tennis spielt aber das er soweit kommt und so eine steile Karriere hinlegt war schon erstaunlich. Da er früher schon wie ein Besessener trainierte ahnte ich das er es früher oder später zu etwas bringen würde aber mit Anfang 20 schon ganz an der Spitze zu sein war doch auch nicht schlecht. In den letzten Jahren hat er so ziemlich alles abgeräumt was es zu gewinnen gab. Außer ein Turnier, Wimbledon aber das konnte man seit letzter Woche auch als abgehakt von der to do List bezeichnen. Das war echt ein irres Finale gegen Roger Federer, zum Glück mit dem besseren Ausgang für Rafa. Ich war ja schon kurz vorm Herzinfarkt, so spannend war das gewesen.
Jetzt fehlte ihm ja nur noch die Nummer 1 der Weltrangliste aber das war sicher nur noch eine Zeitfrage. Ich war natürlich an Rafa drangeblieben in den letzten Jahren soweit das machbar war für mich und es fiel mir schwer zu glauben, dass das der gleiche Rafa ist mit dem ich mal zusammen war. Da ich es vom Bad her plätschern hörte, musste ich gleich an Juli denken. Sie wusste zwar, dass ich damals hier einen Freund hatte als ich die Insel verlassen habe aber sie wusste nicht, dass es sich dabei um den wohl bekanntesten Bewohner der ganzen Insel, wenn nichts sogar ganz Spaniens, handelt. Ich hatte fast nie über Rafa gesprochen, mit ihm aber leider auch nicht. Wir hatten zwar noch eine Weile Kontakt aber das hat sich dann so nach und nach verloren. Während ich in Deutschland die Schulbank drückte, flog er um die Welt von einem Turnier zum nächsten. Wir hatten zu wenig über das wir reden konnten da wir beide ein komplett unterschiedliches Leben führten. Ja und wir hatten Eltern die nicht so begeistert waren über unsere Ferngespräche, wenn ich länger als 15 Minuten mit Rafa telefonierte rollten meine Eltern schon mit den Augen und drohten mir schlimme Dinge an. Ein bisschen hatte ich ja geahnt, das wir uns zum letzten mal sehen als ich damals gegangen bin aber als sich das dann auch tatsächlich bewahrheitete, war es umso bitterer. Inzwischen waren zwar sieben Jahre vergangen und ich hatte mich eingelebt in Deutschland aber wie das damals alles abgelaufen ist, verzeihe ich meinen Eltern nie. Sie dachten ich würde mich schon wieder beruhigen aber dem war nicht so, dass würde ich nie vergessen. Immerhin haben sie dann eingesehen, die sie mich damals total übergangen hatten bei ihrer Entscheidung aber es war zu spät jetzt. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen.

Ich hatte ja einen Freund und mir konnte das eigentlich alles total egal sein, war es aber eben nicht. Irgendwie würde ich ihn schon gerne mal sehen, es gab viel zu vieles was wir noch zu klären hätten. Wahrscheinlich ist er aber ja sowieso irgendwo auf der Welt unterwegs und spielt Tennis. Vielleicht war's besser so, ich weiss ja nicht wie er darauf reagiert mich zu sehen. Vielleicht denkt er ja gar nicht mehr daran oder er will nicht daran erinnert werden, verstehen könnte ich es. Ich weiss, das es ihm damals nicht besonders gut ging als ich weg war aber das ging mir ja nicht anders. Mir blieb nur nichts anderes übrig als mich mit der räumlichen Trennung von ihm abzufinden. Wie sagte man so schön, das Leben geht weiter.

“Diana” Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch und sah entgeistert zu Juli, die vor dem Bett stand und sich mit einem Handtuch die Haare abtrocknete. “Ja?” Fragte ich. “Alles ok mit dir?” ”Äh ja wieso?" "Du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen” ”Ach was, ich war nur kurz in Gedanken, nix schlimmes” ”Na wie auch immer, du kannst ins Bad” Ich schickte die sms an meine Mutter noch ab bevor ich aufstand und ins Bad ging um zu duschen. Kaum war ich auch im Bad, stand Juli in der Tür mit einem fragenden Blick. “Ich wollte noch was fragen heute Nachmittag, hab's dann aber vergessen. Als wir am Strand waren stand da ein Schild und da stand Cala Manacor drauf. Wieso heißt das Strand von Manacor wenn wir in Porto Cristo sind?” Kurz dachte ich nach und überlegte wie man das am einfachsten erklären kann.
“Also erstens heißt Cala Bucht und nicht Strand und dann ist es so das der Strand auch noch Platja Porto Cristo heißt und bevor du fragst, Platja heißt Strand auf katalanisch, Playa kannste notfalls auch sagen, wäre dann nur normales spanisch. Jedenfalls war das früher ein kleiner Fischerhafen bevor es den Ort Porto Cristo gab. Damals hieß das ganze Port de Manacor, weil Manacor nun mal der größte Ort hier in der Umgebung ist. Manche sagen auch heute noch Port de Manacor. Die ganze Bucht heißt Cala Manacor” Ich sah schon das es wohl ein paar Minuten dauern würde bis sie alles verstanden hat, es war etwas verwirrend mit den ganzen doppelten Namen. “Ich wusste das du das kennen würdest” Mit einem zufriedenen Gesicht verschwand sie wieder. Das konnte ja noch was werden die nächsten Tage. Hoffentlich fragt sie nicht bei jedem Schild was da drauf steht, ich will nicht zwei Wochen lang Dolmetscher spielen.

In den nächsten Tagen hielten wir uns wie alle Urlauber vorzugsweise am Strand auf. Ich liebte es total faul zu sein und rein gar nichts zu tun. Es war ja nicht so, das wir von früh bis spät total faul waren, wir hatten uns ein Auto gemietet, damit wir wenigstens mobil waren und nicht überall zu Fuß hinlaufen mussten. Ich war schon aufgeregt, als wir an einem Nachmittag nach Manacor fuhren. In der Nähe vom Zentrum parkten wir das Auto und liefen dann zu Fuß weiter. Ich war vielleicht gespannt und aufgeregt gleich das Haus zu sehen in dem ich früher gewohnt hatte.
“Schon aufgeregt?” Konnte sie Gedanken lesen? Ich holte tief Luft und zog ein Lächeln. “Ein bisschen schon” ”Kann ich verstehen, das wäre ich sicher auch an deiner Stelle” Ein bisschen aufgeregt war noch weit untertrieben! Wir schlenderten erstmal bisschen durch die Stadt, ich musste das erstmal alles verarbeiten. Hier sah alles noch genauso aus wie damals. Ich erklärte Juli bisschen was über die Stadt und versuchte mich damit selbst abzulenken. Dann war es endlich soweit! Ich blieb vor dem Haus stehen und sah andächtig nach oben. Es war nichts spezielles, war ein Reihenhaus und sah von außen nicht besonders spektakulär aus. Für deutsche Verhältnisse vielleicht ein wenig dreckig aber hier sah es überall so aus im Sommer. “Ist es das?” Fragte Juli und hielt sich die Hand über die Augen weil die Sonne blendete. “Ja” Sagte ich nur und kämpfte mit meinen Emotionen. “15 Jahre lang habe ich hier gelebt” Murmelte ich leise vor mich hin als müsste ich mich selbst daran erinnern. “Ist ein komisches Gefühl hier zu stehen oder?” Ich musste jetzt doch lachen und nickte mit dem Kopf. “Ist es auch! Ich meine, es kommt mir irgendwie vor als wäre ich nicht weg gewesen, zumindest nicht so lange”

Nach ein paar Minuten liefen wir weiter zur Kathedrale oder war es eine Kirche? Das war jedenfalls das größte Gebäude im Ort, das konnte man gar nicht verfehlen. Ich spürte schon die Unruhe in mir, es wurde schlimmer je näher wir kamen und das lag nicht an der Kirche! Als wir dann direkt davor standen, sah Juli ehrfürchtig nach oben und sagte direkt mal nichts. Sie war jemand der eher zu viel als zu wenig redete. “Kathedrale oder Kirche?” Fragte ich nur da ich den Unterschied nicht wusste und Juli sich damit eindeutig besser auskannte. “Auf jeden Fall neogotischer Baustil. Ist es ein Bischofssitz?” Puh, die stellte Fragen! Bin ich die Allwissende?
“Äh ich weiss nicht genau, ich glaube nicht” ”Dann ist es eine normale Kirche, Kathedrale heißt es nur wenn es ein Bischofssitz ist. Hat die einen Name?” ”Nostra Senyora dels Dolors. Gebaut von Rector Rubí falls dir das was sagt. Daher heißt der Platz auf dem wir eben stehen wohl auch Plaça del Rector Rubí” “Sagt mir nix so spontan” “Ist auch egal, jedenfalls ist es dann eben die größte Kirche auf Mallorca” “Und die Kathedrale in Palma?” Ein breites Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. “Du meinst la Seu, ich habe mir mal sagen lassen das der Glockenturm da oben 80 Meter hoch ist, in Palma kommen die nur auf knapp 68 Meter” “Hast du das auswendig gelernt?” “No, das hatte ich mal in ganz früheren Schuljahren als ich noch hier war gelernt. Irgendwas bleibt eben doch hängen” ”Mhhh” Kam es nur andächtig, bevor sie ihre Kamera zückte und ein paar Bilder machte. Ich liess meinen Blick derweil von der Kirche wegschweifen zu einem Reihenhaus direkt daneben.
Etwas nach Luft schnappen musste ich schon, jetzt nur nichts anmerken lassen. Da in diesem Haus direkt neben diesem monströsen Sakralbau wohnte früher Rafa mit seiner Familie. Vielleicht wohnt er ja auch inzwischen nicht mehr hier. Es hingen Gardinen an den Fenstern aber das musste nichts heißen. Als ich mich etwas genauer umsah, fiel mir auf das diverse Leute das Haus fotografierten. Machten die Bilder davon weil Rafa da wohnte? Oh Gott, das wäre ja irre! Und wenn es so ist woher wissen die dann wo Rafa wohnt? Ok, so riesig war Manacor nun auch nicht aber es stand ja nicht draußen dran wer dort wohnt. Sicher waren in irgendeiner Zeitung Bilder vom Haus wo zufällig die Kirche mit drauf war oder Teile davon. Tja und dann findet es eigentlich jeder Doofe. So verrückt war der Gedanke aber nicht. Immerhin hat er Wimbledon gewonnen und es wäre doch ein schönes Andenken für die Leute das zu fotografieren. Wen interessiert da schon die Kirche direkt daneben! So richtig glauben konnte ich das aber nicht obwohl ich es mit eigenen Augen sah. Irgendwie wäre mir das peinlich hier alles zu fotografieren nur weil Rafa hier wohnt. An den Gedanken, das Rafa jetzt so was wie ein Star war musste ich mich erst gewöhnen. Was machte die eigentlich alle so sicher das Rafa noch hier wohnt? Ich kenne ja die Wohnung und so unheimlich groß war sein Zimmer nun auch nicht. Er ist zwar oft weg so das sich eine eigene Wohnung fast nicht lohnt aber ich zweifelte daran das er wirklich noch hier wohnt auch wenn ich es nicht genauer wusste.

“Diana?” Ich drehte mich zur Seite und bekam erstmal einen Schreck! Stand ich vielleicht mit offenem Mund da? Das konnte ich dann auch nicht ändern jetzt. Nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder gefangen. “Tomeu! Ich fasse es ja nicht!” Ich zog ein breites Lächeln und umarmte ihn kurz. Aww, ich freute mich wirklich ihn zu sehen. Ich sah an ihm nach unten und war direkt wieder sprachlos. Wahnsinn, wie er sich verändert hatte in den letzten Jahren. “Das ist echt eine Überraschung dich hier zu sehen, dachte schon ich täusche mich” ”Ich bin selbst erschrocken dich zu sehen. Wie gehts denn so?” ”Bueno, bist du schon lange hier?” ”Wir sind vor drei Tagen angereist. Eigentlich haben wir ein Hotel in Porto Cristo, ich wollte nur mal sehen was hier so los ist” ”Aha und wie lange bleibst du hier?” ”Zwei Wochen, wollte mal meiner alten Heimat einen Besuch abstatten” ”Irre, die Story wird mir keiner glauben!” ”Warum denn nicht?” ”Na erst hört keiner was jahrelang und dann stehst du plötzlich hier” Ich zuckte mit den Schultern. “Vielleicht treffe ich ja zufällig noch mehr Bekannte von früher” Er schüttelte breit grinsend mit dem Kopf und sah langsam an mir nach unten. “Du siehst noch genauso gut aus wie früher, ach was sage ich, besser als früher” Ich zog ein verlegenes Lächeln und musste kichern. Der hatte früher schon keine Möglichkeit ausgelassen mir klar zu machen das er Interesse an mir hat. Zu dumm das er sich früher beherrschen musste damit er keinen Ärger mit Rafa bekommt. “Gracias, das Kompliment zurück” ”Weiss Rafa das du hier bist?” Bei dem Name Rafa verschwand mein Lächeln gleich wieder. “Um na ja, also ich habe keinen Kontakt zu ihm” ”Sí stimmt, wir feiern morgen den Wimbledonsieg. Es sind alle da, du musst da unbedingt hinkommen” ”Ich bin gar nicht eingeladen” ”Ich habe dich doch eben eingeladen ausserdem weiss ich genau das Rafa nichts dagegen hat wenn du kommst””Ich dachte er ist irgendwo auf der Welt unterwegs” ”Ist er ja auch, er ist nur für zwei Wochen hier bevor er nach Kanada fliegt. Kommst du nun?””Ich weiss nicht so richtig. Wo ist das denn?” ”Bauxa, das kennst du noch no?” Ich musste gleich wieder lachen. “So lange war ich auch nicht weg, klar kenne ich das. Wann geht es denn los?” ”Um zehn” ”Ok, ich überlege es mir. Vielleicht kannst du ja Rafa zumindest vorher einweihen” ”Ist vielleicht besser, auf sein Gesicht bin ich jetzt schon gespannt! Der wird ausflippen” ”Vielleicht ist er ja auch nicht so begeistert mich zu sehen” ”Machst du Witze? Klar freut der sich” ”Ich weiss nicht, ist schliesslich alles sieben Jahre her” ”So sehr hat er sich nun auch nicht verändert” ”Sí ok, ich denke darüber nach” Er sah kurz zu Juli und dann wieder zu mir. ”Super, ich freue mich schon, dann bis vielleicht morgen. Muss jetzt leider weiter” ”Mhh, man sieht sich” ”Hoffe ich doch, adíos” ”Ciao” Er umarmte mich kurz und verschwand dann mit eiligen Schritten.

30 August 2009

Chapter 1 - Manacor


Sommer 2008


“Diana, hast du auch alles fertig gepackt?” Ein kichern konnte ich mir nicht verkneifen. Meine beste Freundin hörte sich ja schon an wie meine Mutter! Außerdem war ich auf den Satz inzwischen allergisch. “Du hörst dich an wie meine Mutter. Außerdem wär's bisschen spät wenn mir am Flughafen alles einfällt was ich vergessen habe oder?” Sie rollte mit den Augen und kicherte weiter. “Ich hasse es wenn du Recht hast” ”Na das kann ja heiter werden die nächsten 2 Wochen” Meinte ich und verzog mein Gesicht. Sie zwickte mich in die Seite und sah auf unsere Koffer. “Du wirst schon sehen wo das endet. Aber ich freue mich total, das wir zusammen wegfahren und dann gleich Spanien, besser kann's nicht kommen”

30 Minuten später standen wir am Gate und sahen raus auf das Vorfeld zum Flugzeug. Es war alles zum Greifen nahe. In 3 Stunden werden wir in Palma landen, durch das Flugzeug wurde es förmlich greifbar. Gedanklich war ich sowieso schon lange dort. Wenn man's genau nahm, war ich die letzten Wochen dort ab dem Zeitpunkt wo feststand, das wir nach Mallorca fliegen. Irgendwie konnte ich das noch nicht so richtig glauben. Das tue ich erst, wenn ich es mit eigenen Augen sehe. Sozusagen würde ich meine alte Heimat besuchen. 7 lange Jahre war ich nicht da und jetzt sollte ich in weniger als 3 Stunden plötzlich da sein. War schon ein starkes Stück, das es so lange gedauert hatte. Als ich noch mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren bin, haben wir alles mitgenommen was nur zu kriegen war von Spanien. Die Kanarischen Inseln kenne ich alle in und auswendig so oft war ich da. Mich beschlich schon vor Jahren leise der Verdacht das meine Eltern das nächste mal nach Gran Canaria auswandern wenn es bei denen mal wieder soweit ist und sie die Nase voll haben von Deutschland. Selbst vor dem Festland machten meine Eltern keinen Halt, nur um Mallorca machten sie einen Bogen und als sie dann schließlich hingefahren sind, konnte ich nicht mit weil ich eben eine Ausbildung machte. Als ich dann endlich nicht mehr von meinen Eltern abhängig war, bot sich eigentlich die Chance schlechthin da Urlaub zu machen aber Juli zog es in weit entfernte Gefilde auf die andere Seite der Erde. Die sparte wie eine Verrückte das ganze Jahr über und fährt dann 2 Wochen nach Mauritius. Gut, ich will mich nicht aufregen da wäre ich sicher nie hingekommen wenn sie nicht genervt hätte damals. Ihr hatte ich auch Urlaube in Costa Rica und Jamaika zu verdanken. Es war ja auch schön aber Mallorca war so schön nah, da muss man nicht erst 12 Stunden fliegen und kommt nicht halb tot an. Da sie im letzten Jahr keine Lust auf ständiges sparen hatte, setzte sie sich in den Kopf nach Mallorca zu fahren. Besser gesagt nervte sie mich wochenlang damit das sie neugierig ist zu sehen wo ich früher gelebt habe. Das kam mir sehr gelegen da ich auch keine Gelddruckerei im Keller stehen habe. Ich bekam zwar immer Geld von meinen Eltern zum Urlaub dazu aber ich hatte keine Lust tausende von Euro auszugeben für 2 Wochen. Da ich ja mit ihr zusammen in den Urlaub fuhr, hatte sie mich in früheren Jahren auch zum sparen gezwungen. Sie war sonst gar nicht so verschwenderisch veranlagt aber für die zwei Wochen Urlaub im Jahr drehte die jeden Cent dreimal um.

Meine Gefühle waren doch sehr gemischt. Ich freute mich natürlich auf den Urlaub aber ein bisschen Angst vor dem was mich da erwartet hatte ich schon. 2 Wochen Urlaub mit der besten Freundin und ohne Männer, was konnte es besseres geben? Ich hätte ja schon gerne meinem Freund gezeigt wo ich früher gelebt habe aber er muss arbeiten und bekommt keinen Urlaub im Sommer. Konnte man eben nix machen, vielleicht klappt es ja ein anderes mal. Dann muss ich mich eben mit Juli begnügen und zeige ihr erst mal alles. Sie war ja schon richtig gespannt und war mir in den letzten Tagen öfters auf die Nerven gegangen, da sie der Meinung war, das ich ihr unbedingt alles zeigen müsse und sie es kaum erwarten könne. So wie sie redete ging sie wohl davon aus das ich im Paradies gelebt habe oder so was. Ich weiss nicht woran es liegt das die Leute in Deutschland alle leuchtende Augen bekommen bei der Vorstellung und Mallorca zu leben. Die meisten denken sicher es ist da immer so wie im Urlaub. Juli kannte ja Mallorca aber nicht Manacor. Wie alle Touristen hatte sie sich bis jetzt bevorzugt in den Küstenorten aufgehalten. Ich war ja selbst schon richtig gespannt darauf wie sich alles verändert hat dort oder vielleicht auch nicht.

2 Stunden nach dem Start ging es endlich in den Landeanflug und nachdem wir eine große Rechtskurve geflogen waren tauchte die Insel plötzlich unter uns auf. Der Anflug von Norden her hat echt was, da man so einen kompletten Überflug bekommt und so gleich die ganze Insel sehen kann. So sah man auch wie verbrannt und braun es hier war im Sommer. So wirklich einladend sah das nicht aus. Im Gegensatz zu Deutschland kann man da erschrecken wenn man so was nicht kennt.

Das Gefühl das Flugzeug zu verlassen und zum ersten mal seit Jahren wieder mallorquínischen Boden zu betreten war überwältigend. Es war so eine Mischung aus Neugier und Freude aber auch ein bisschen Angst. Der Flughafen kam mir gleich vertraut vor, das war schon mal positiv. Ich wusste ja vorher nicht, welchen Effekt das alles auf mich haben würde wieder hier her zu kommen aber was ich mit Sicherheit wusste war, das ich mich nie wieder von jemandem zwingen lassen würde gegen meinen Willen irgendwohin zu ziehen. Mit 21 war ich zum Glück jetzt in einem Alter wo ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte und mir keiner reinreden kann. Bevor ich noch länger in Erinnerungen schwelgen konnte, mussten wir unsere Koffer abholen und dann zum Bus gehen, der uns zu unserem Hotel bringt. Was mir auch vertraut vorkam waren die Autobahnschilder als wir zum Hotel fuhren. So langsam gewöhnte ich mich daran wieder auf Mallorca zu sein und es war irgendwie als wäre ich nie weg gewesen.

Als wir endlich in unserem Hotel waren, liess ich mich rückwärts aufs Bett fallen und schloss meine Augen. Wir waren eben erst hier angekommen und ich fühlte mich gleich heimisch. Das schöne Wetter und die Hitze brauchte ich richtig. Das war wenigstens ein Sommer hier und nicht so ein wischwasch wie in Deutschland. Ich konnte verstehen, wieso jedes Jahr Millionen Touristen hier her kommen um hier ihren Urlaub zu verbringen. Früher hatte ich das nicht so richtig verstanden aber inzwischen konnte ich es gut nachvollziehen. An das Wetter konnte ich mich ja noch gewöhnen aber was mir am meisten fehlte, war das Meer. Wenn ich alleine sein wollte oder einfach nachdenken musste, war ich früher immer ans Meer gegangen. So was gab es alles nicht mehr in Deutschland, mein Leben hatte sich grundlegend geändert und das nicht nur zum positiven. Trotz allem hatte ich mich inzwischen richtig eingelebt in Deutschland. Ich hatte einen Job, Freunde, wohnte mit meinem Freund zusammen und verstehe mich gut mit meinem Eltern. Eigentlich war's alles perfekt, bis auf ein paar Kleinigkeiten aber das war wohl normal. “Gehen wir gleich zum Strand?” Ich sah zu Juli und stellte fest, das sie ihren Koffer schon ausgepackt hatte während ich über mein Leben sinniert hatte. Ich setzte mich hin und stand dann vom Bett auf. “Können wir machen, ich suche nur meinen Bikini und ein Handtuch”

Wenige Minuten später standen wir am Strand von Porto Cristo. Eigentlich heißt er Cala Manacor oder Platja Porto Cristo. An der gleichen Stelle war ich früher auch immer am Strand gewesen. Das musste ich erstmal alles sacken lassen. Es sah noch genauso aus wie früher, das war ein komisches Gefühl! “Ist alles ok?” Ich kam wieder in die Realität und zog ein Lächeln. “Genau hier bin ich früher immer an den Strand gegangen mit meinen Freunden” Ihr breites Lächeln verschwand dann langsam, wieder. “Du hast das alles richtig vermisst oder?” Ich schluckte kräftig und versuchte nicht zu sentimental zu werden. “Ja, ich meine ich war das einfach gewohnt an den Strand zu gehen” Sie schüttelte langsam mit dem Kopf als könnte sie es nicht glauben. “Ich gebe zu das ich neidisch bin. Die Leute sparen monatelang um mal für 2 Wochen hier her kommen zu können und du konntest jeden Tag an den Strand gehen. Dazu noch die unverschämt langen Sommerferien, zu dumm das wir schon fertig sind mit der Schule. Ich wünschte meine Eltern wären mal hier her ausgewandert” ”Du kannst ja hier her ziehen” ”Ach nein, ich würde ja sehr gerne hier bleiben. Ich hätte glaube ich kein Problem damit mich hier einzuleben aber es ist so kompliziert. Mit meinen Spanischkenntnissen könnte ich ja nicht mal zum Bäcker gehen” Ich musste schon schmunzeln als sie von ihren nicht vorhandenen Spanischkenntnissen sprach. ”Die können sowieso deutsch”

Wir liefen weiter und sagten nichts mehr, bevor die Situation noch außer Kontrolle gerät. Nachdem wir unsere Handtücher ausgebreitet hatten, legten wir uns hin. Besser gesagt ich legte mich hin, Juli wollte sofort ins Meer aber ich würde mich erstmal bisschen hier umsehen. Da saß ich also hier mitten in hunderter sonnenhungriger Touristen die hier Urlaub machten so wie wir auch. Wie ein Tourist fühlte ich mich zwar hier nicht aber wenn man es genau nahm war ich das. Wie so viele andere verbringen wir 2 Wochen hier und fliegen dann wieder nach Hause, zurück in den Alltag. So ein kleines bisschen fühlte ich mich aber hier zu Hause, die 15 Jahre konnte man nicht einfach wegwischen. Es war egal, wie lange ich hier weg war, ein Teil von mir wird immer hier auf der Insel bleiben. Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe mich hier zum ersten mal verliebt. Das war schon sehr prägend alles gewesen. Meine Eltern hatten sich so sehr an Spanien angepasst, das es zum Beispiel am 6. Januar Weihnachtsgeschenke gab, wie bei allen anderen Familien auch. Mir war das nichts neues, ich war's so gewohnt und dann gab es in Deutschland plötzlich schon am 24. Dezember Geschenke! Ich kam mir schon ein bisschen verarscht vor in den ersten Jahren. Sehr zur Belustigung von meinem Freund war ich inzwischen wieder zu der spanischen Tradition zurück gekehrt erst am 6. Januar die Geschenke zu verteilen weil ich mich mit dem 24. Dezember absolut nicht anfreunden konnte. Es war mir egal ob die Leute mich für verrückt hielten oder nicht.

Es war alles so unbeschwert bis zu jenem Tag als mir meine Eltern eröffneten, das wir nach Deutschland ziehen weil meinem Vater da ein übermäßig gut bezahlter Job angeboten wurde. Meine Eltern waren vor 22 Jahren nach Mallorca gekommen und ich hätte bis zu jenem Tag nie geglaubt, das sie wirklich nach Deutschland zurückgehen würden. Zwar hatten sie mal darüber geredet aber es wirklich zu machen war noch mal was anderes. Tja, manchmal täuscht man sich eben. Es war allgemein bekannt, das die Löhne in Deutschland höher sind als wie in Spanien aber das meine Eltern das tatsächlich zu einem Umzug bewegte erstaunte mich schon. Es war ja nicht so das es uns hier finanziell schlecht gegangen war daher konnte ich es ja auch nicht nachvollziehen. Ich versuchte sämtliche negativen Gedanken zu verdrängen und ging eine Runde baden ins schöne warme Mittelmeer.

Prolog - Juli 2001

Altersempfehlung: ab 16




Rayando el sol




Prólogo - Julio 2001


“Diana, hast du auch alles fertig gepackt?” Ich sah zu meiner Mutter und rollte zum hundertsten Mal heute mit den Augen. “Sí und ich habe auch schon mehrmals überall nachgesehen das ich auch nichts vergessen habe” Meine Mutter nickte mit dem Kopf und rannte panisch durch die Wohnung die letzten Sachen einpacken. “Gut, dann bis in 30 Minuten und sei pünktlich, der Flieger wartet sicher nicht extra wegen uns” Wir werden ja sehen ob ich da bin oder nicht dachte ich so für mich und machte auf dem Absatz kehrt um aus der Wohnung zu flüchten. Diese Hektik und die ganzen Kisten überall konnte keiner ertragen. Das ging schon seit Tagen mit dem gepackte, inzwischen war ja auch kaum noch was hier, die Möbel waren schon längst weg. Das meiste war irgendwo im Überseecontainer und der schippert wahrscheinlich eben auf einem Frachter durchs Mittelmeer mit dem Zielhafen Hamburg.

Als ich aus dem Haus kam schlug mir gleich die Mittagshitze entgegen aber das störte mich nicht. Es war ja normal, das hier mindestens 4 Monate lang jeden Tag um die 30 Grad sind und ich war's schon längst gewohnt. Ist eben so im Sommer in Spanien. Vielmehr Sorgen machte mir etwas anderes aber darüber wollte ich jetzt gar nicht nachdenken. In den letzten Tagen hatte die Sache mit dem Verdrängen schließlich auch prima funktioniert. Nur nicht nachdenken, redete ich mir selbst ein während ich zu Rafa lief. Mehrmals kam ich ins schwanken ob ich doch gar nicht erst bei ihm auftauche. Ich weiss nicht wirklich was da gleich passiert wenn wir uns sehen und ich wollte das irgendwie auch nicht. Abschiedsdramen wollte ich auf keinen Fall, das hilft doch niemandem also warum nicht gleich so gehen? In ein paar Stunden bin ich hier weg und mich wird so schnell hier niemand mehr sehen. Mir war aber schon klar, das ich das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte und es dann auf Ewig bereuen würde wenn ich jetzt so feige von hier verschwinde. Rafa würde mir das nie verzeihen aber das war sowieso bald egal. Ich hatte wahrlich schon genug Abschiedsdramen in den letzten Tagen erlebt. Es war schon schwer genug mich von meinen Freunden zu verabschieden aber Rafa ist so was wie die absolute Krönung des ganzen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch blieb ich schließlich vor dem Haus wo er mit seiner Familie wohnt stehen und klingelte. Nach wenigen Sekunden summte es an der Tür und ich ging ins Haus. Wo ich hin musste wusste ich ja nur zu genau. Kaum das ich in der dritten Etage war, erschien Ana Maria, die Mutter von Rafa. Sie hatte so was ähnliches wie ein Wischtuch in der Hand und zog ein Lächeln als sie mich sah. “Hola Diana, Rafael ist oben” Ich grüßte sie kurz zurück und rang mir mühsam ein Lächeln ab bevor ich nach oben ging in die nächste Etage.

Vor dem Zimmer von Rafa blieb ich stehen und versuchte mich zu sammeln. Ok, jetzt ganz ruhig bleiben. Es fiel mir nur verdammt schwer, ich kam wieder ins schwanken gleich wieder zu gehen, Rafa wusste ja noch nicht das ich hier bin. Bevor ich doch noch gehe, klopfte ich an der Tür. “Sí” Kam es laut von der anderen Seite. Ich öffnete die Tür und zog ein breites Lächeln obwohl mir nicht wirklich danach war. “Hola Rafa” ”Hi” Ich setzte mich neben ihn und küsste ihn kurz. “Na, schon alles fertig gepackt?” Mein Lächeln verschwand von einer Sekunde auf die nächste. Musste er gleich mit der Frage anfangen? Können wir nicht einfach so tun als wäre nichts? “Mhhh” Machte ich dann nur und wich seinem Blick aus. Ich schluckte erstmal kräftig und versuchte nicht gleich die Beherrschung zu verlieren. Das Rafa mich umarmte machte es auch nicht besser sondern nur noch viel schlimmer. Wie soll ich nur von Rafa loskommen? Ich kann mir nicht wirklich vorstellen ihn nicht mehr zu sehen. Wenn's nach dem Willen meiner Eltern geht wäre das schon sehr bald. Es half alles nichts, es war eine Tatsache, das ich Rafa jetzt vorläufig zum letzten mal sehe. Vor diesem Tag und speziell diesem Moment hatte ich mich seit Wochen gefürchtet und jetzt saß ich hier. Wie ich dann merkte, war das Lächeln von Rafa auch verschwunden. Sein Blick gefiel mir gar nicht, ich sah ihm an was er dachte. Ich kannte ihn lange genug um zu wissen was in ihm vorgeht, schwer war's ja auch nicht zu erraten. Ich hing meinen Gedanken nach und liess meinen Blick schweifen.

Soll es das jetzt gewesen sein mit uns? Das wir uns jetzt anschwiegen sagte eigentlich auch schon alles. Es gab eigentlich auch nichts mehr zu sagen, in den letzten Wochen hatten wir stundenlang immer wieder über das gleiche Thema geredet und immer mit der Erkenntnis, das es keinen Ausweg gibt. Ich hatte auch daran gedacht das es vielleicht besser ist wenn wir einen Schlussstrich ziehen und getrennte Wege gehen aber das würde ich nicht fertig bringen, dazu bedeutet er mir zu viel. Ich fasste schließlich meinen Mut zusammen und sah wieder zu Rafa. Mir ging so viel durch den Kopf, ich wusste nicht was ich eigentlich sagen wollte. “Ich will nicht weg” Sagte ich leise und irgendwie auch mehr zu mir selbst. Rafa sah mich dann an und kaute nervös auf seiner Unterlippe. Das er nichts sagte, konnte ich irgendwie verstehen. Was wenn wir uns heute und jetzt wirklich zum letzten mal sehen? Diese Frage schwebt schon fast sichtbar durch das Zimmer. Das war ein echter Albtraum, ich fühlte mich als würde mir jemand den Boden unter den Füssen wegziehen. Ab morgen würde für mich ein neues Leben anfangen, 1500 Kilometer entfernt von hier in einem anderen Land. Ein Leben, das ich so nie wollte, dafür aber meine Eltern. Ich hasste sie dafür, das sie das machten. Wenn sie unbedingt umziehen wollten, von mir aus aber warum musste es Deutschland sein? Ich kannte niemanden dort und war auch höchstens mal im Urlaub dort gewesen, mein Leben war hier auf Mallorca und das sollte jetzt plötzlich alles vom einen Tag auf den anderen vorbei sein? Ich fühlte mich total machtlos und hintergangen von meinen Eltern. Die haben keine Ahnung, was das für mich bedeutet. Mein Vater meinte mal, ich würde schon neue Freunde finden in Deutschland. Als wäre das so einfach! Vielleicht wollte ich ja gar keine neuen Freunde? Ich wollte auch keinen neuen Freund. Wäre ich mit Rafa zusammen wenn er mir nichts bedeuten würde? Manchmal glaubte ich meine Eltern kapieren gar nichts. Ich wurde das Gefühl nicht los, das meine Eltern glauben das ich nicht weiss was Liebe ist. Oder besser gesagt, dass ich das mit 15 noch nicht wissen kann. Da war ich anderer Meinung aber mich fragte ja sowieso niemand. Da war wie so eine Stimme in meinem Unterbewusstsein und die sagte mir, dass das hier das Ende ist. Ich hatte keine Möglichkeit mal eben hier her zu fliegen, davon abgesehen würden meine Eltern das nie erlauben.

“Diana” Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und sah wieder zu Rafa. Im nächsten Moment rückte er so nah es ging an mich. Seinen Blick konnte ich nicht länger ertragen also schloss ich meine Augen und liess meinen Kopf auf seine Schulter fallen. Ich wünschte, wir könnten ewig so sitzen bleiben, ich wollte ihn gar nicht mehr los lassen. In meinem Kopf schwirrten immer die gleichen Fragen umher. Warum ich? Warum nur? Es fiel mir zusehens schwerer nicht die Beherrschung zu verlieren. Es hatte mich schon gewundert, das es bis jetzt ging aber ich konnte nicht mehr. Meine Nerven waren schon total runter. Ich wollte mich nicht gehen lassen um es nicht alles noch schwerer zu machen aber ich fürchte, das werde ich nicht schaffen. Ich musste kräftig schlucken und spürte schon, wie mir das Wasser langsam in die Augen stieg. “Hey, das wird schon wieder” Wieso glaubte ich ihm das nicht? Rafa fuhr mit seinen Händen meinen Rücken langsam auf und ab und wollte mich wohl beruhigen. Normalerweise klappte das auch immer aber heute wird's wohl schwer werden. “Glaubst du das wirklich?” Fragte ich mehr mich selbst. Ich würde mir auch gerne einreden, das es irgendwie wird aber das war eine Illusion. Ich löste mich etwas von ihm und sah ihn dann wieder an. “Ich liebe dich Rafa” Wenigstens huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. “Ich dich auch” Das klang gut, obwohl ich das nicht zum ersten mal hörte. “Ich vermisse dich jetzt schon” Sagte ich leise und hielt seinem Blick stand. Leider sah er nach unten auf seine Hände. Ich wusste, das er um Fassung ringt. “Ich will nicht das du gehst” Kam es nach ein paar Sekunden leise. Das führte nur dazu, das bei mir noch mehr Tränen flossen. Ich wollte auch nicht gehen. Es war nicht meine Absicht ihn hier alleine zu lassen während ich ein neues Leben anfange. Kurz sah ich auf meine Uhr, ich musste gleich los! Oh Gott, wie ich Abschiede hasste. Ich wünschte, es wäre alles schon vorbei. Es hatte so was entgültiges. Mir machte der Gedanke Rafa jetzt zum letzten mal zu sehen wirklich Angst. Was würde aus uns werden? Ich wollte die Antwort darauf gar nicht wissen. “Ich muss los” Sagte ich leise und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Die Stimmung wurde immer angespannter. Rafa nickte leicht und hob dann seinen Kopf. “Ok” Kam es leise. Bevor ich etwas sagen konnte, floss eine einzelne Träne seine Wange nach unten. Ich wischte ihm mit dem Daumen die Träne weg und umarmte ihn wieder. Rafa in Tränen zu sehen zeriss mir förmlich das Herz. Ich kann den Anblick einfach nicht ertragen vor allem mit dem Wissen das ich Schuld daran bin. Ich wartete ein paar Minuten bevor ich seine Hände in meine nahm und ihn wieder ansah. “Ich rufe dich an wenn ich in Deutschland gelandet bin” “Mhh” Kam es kaum hörbar. Da es ja alles nichts nutzte, standen wir auf und liefen zur Tür. Rafa zog ein Lächeln obwohl ich wusste, wie schwer ihm das jetzt fiel. “Ich wünsche dir einen guten Flug und viel Glück beim Start in dein neues Leben” Ich schluckte wieder und wischte mir eifrig die Tränen weg. “Höre auf so zu reden als würden wir uns nie mehr sehen. Das ich woanders wohne, heißt nicht das ich dich vergesse. Ich werde dich nicht vergessen, niemals” ”Bin ich ja beruhigt” Ich schnappte nach Luft und überlegte was ich noch sage. Eigentlich wollte ich nur gehen. Es war alles gesagt und lange halte ich das nicht mehr aus. Es wird nur immer schlimmer je länger ich hier bin. “Ich wünsche dir was und pass auf dich auf. Wir sehen uns wieder ... irgendwann!” Den Blick von Rafa konnte ich nicht länger ertragen. Ich fühlte mich schon schlecht genug und Rafa so zu sehen macht alles viel schlimmer. Ich küsste ihn kurz und wollte gehen, nur liess er mich nicht los. Er stand direkt vor mir und sah in meine Augen. “Adíos” Da er seine Umarmung etwas lockerte, ging ich einen Schritt von ihm weg. “Adíos” Kurz dachte ich daran ihn noch mal zu umarmen aber es wird nur immer schwerer und ich musste gehen. Ich liess seine Hand dann los und drehte mich um. Langsam verließ ich sein Zimmer ohne mich noch mal umzudrehen. Ich wusste, das ich total zusammenbreche wenn ich mich jetzt noch mal umdrehe.

Ich rannte die Treppen nach unten und dann auf die Strasse. Ich musste mich erstmal wieder sammeln und in Ruhe Luft holen. Es war als schnürte mir etwas die Kehle zu. Wie in Trance lief ich zurück zu unserer Wohnung und sah schon meine Eltern mit Gepäck vor dem Haus stehen als ich um die Ecke bog. Ich holte tief Luft und sprach mir selber Trost zu, das ich versuchen werde mich zu beherrschen. Wortlos nahm ich meinen Rucksack und starrte einfach geradeaus. Mein Kopf war total leer, ich fühlte mich wie in einem Traum, einem ganz schlechten! Nach ein paar Minuten hielt ein Taxi direkt vor uns. Ohne ein Wort zu sagen stieg ich ein und schlang meine Arme um meinen Rucksack auf meinem Schoss. Als alles verstaut war, fuhren wir auch schon los. Ich sah die Strassen von Manacor an mir vorbeiziehen aber so richtig nahm ich das gar nicht mehr wahr. Bald verschwanden die letzten Häuser der Stadt und wir waren auf der Autobahn auf dem Weg nach Palma zum Flughafen.

Als das Flugzeug 3 Stunden später abhob ahnte ich, das dies ein Abschied für immer war. Nur war ich in einer Art Schockzustand und liess das alles an mir vorbeiziehen. Wir flogen erst über die Insel, bis sie immer kleiner wurde und schließlich am Horizont im blauen Meer verschwand. Das war es also, jetzt würde sozusagen mein neues Leben beginnen, weit weg von Manacor, Mallorca und vor allem ohne Rafa.

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