30 August 2009

Prolog - Juli 2001

Altersempfehlung: ab 16




Rayando el sol




Prólogo - Julio 2001


“Diana, hast du auch alles fertig gepackt?” Ich sah zu meiner Mutter und rollte zum hundertsten Mal heute mit den Augen. “Sí und ich habe auch schon mehrmals überall nachgesehen das ich auch nichts vergessen habe” Meine Mutter nickte mit dem Kopf und rannte panisch durch die Wohnung die letzten Sachen einpacken. “Gut, dann bis in 30 Minuten und sei pünktlich, der Flieger wartet sicher nicht extra wegen uns” Wir werden ja sehen ob ich da bin oder nicht dachte ich so für mich und machte auf dem Absatz kehrt um aus der Wohnung zu flüchten. Diese Hektik und die ganzen Kisten überall konnte keiner ertragen. Das ging schon seit Tagen mit dem gepackte, inzwischen war ja auch kaum noch was hier, die Möbel waren schon längst weg. Das meiste war irgendwo im Überseecontainer und der schippert wahrscheinlich eben auf einem Frachter durchs Mittelmeer mit dem Zielhafen Hamburg.

Als ich aus dem Haus kam schlug mir gleich die Mittagshitze entgegen aber das störte mich nicht. Es war ja normal, das hier mindestens 4 Monate lang jeden Tag um die 30 Grad sind und ich war's schon längst gewohnt. Ist eben so im Sommer in Spanien. Vielmehr Sorgen machte mir etwas anderes aber darüber wollte ich jetzt gar nicht nachdenken. In den letzten Tagen hatte die Sache mit dem Verdrängen schließlich auch prima funktioniert. Nur nicht nachdenken, redete ich mir selbst ein während ich zu Rafa lief. Mehrmals kam ich ins schwanken ob ich doch gar nicht erst bei ihm auftauche. Ich weiss nicht wirklich was da gleich passiert wenn wir uns sehen und ich wollte das irgendwie auch nicht. Abschiedsdramen wollte ich auf keinen Fall, das hilft doch niemandem also warum nicht gleich so gehen? In ein paar Stunden bin ich hier weg und mich wird so schnell hier niemand mehr sehen. Mir war aber schon klar, das ich das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte und es dann auf Ewig bereuen würde wenn ich jetzt so feige von hier verschwinde. Rafa würde mir das nie verzeihen aber das war sowieso bald egal. Ich hatte wahrlich schon genug Abschiedsdramen in den letzten Tagen erlebt. Es war schon schwer genug mich von meinen Freunden zu verabschieden aber Rafa ist so was wie die absolute Krönung des ganzen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch blieb ich schließlich vor dem Haus wo er mit seiner Familie wohnt stehen und klingelte. Nach wenigen Sekunden summte es an der Tür und ich ging ins Haus. Wo ich hin musste wusste ich ja nur zu genau. Kaum das ich in der dritten Etage war, erschien Ana Maria, die Mutter von Rafa. Sie hatte so was ähnliches wie ein Wischtuch in der Hand und zog ein Lächeln als sie mich sah. “Hola Diana, Rafael ist oben” Ich grüßte sie kurz zurück und rang mir mühsam ein Lächeln ab bevor ich nach oben ging in die nächste Etage.

Vor dem Zimmer von Rafa blieb ich stehen und versuchte mich zu sammeln. Ok, jetzt ganz ruhig bleiben. Es fiel mir nur verdammt schwer, ich kam wieder ins schwanken gleich wieder zu gehen, Rafa wusste ja noch nicht das ich hier bin. Bevor ich doch noch gehe, klopfte ich an der Tür. “Sí” Kam es laut von der anderen Seite. Ich öffnete die Tür und zog ein breites Lächeln obwohl mir nicht wirklich danach war. “Hola Rafa” ”Hi” Ich setzte mich neben ihn und küsste ihn kurz. “Na, schon alles fertig gepackt?” Mein Lächeln verschwand von einer Sekunde auf die nächste. Musste er gleich mit der Frage anfangen? Können wir nicht einfach so tun als wäre nichts? “Mhhh” Machte ich dann nur und wich seinem Blick aus. Ich schluckte erstmal kräftig und versuchte nicht gleich die Beherrschung zu verlieren. Das Rafa mich umarmte machte es auch nicht besser sondern nur noch viel schlimmer. Wie soll ich nur von Rafa loskommen? Ich kann mir nicht wirklich vorstellen ihn nicht mehr zu sehen. Wenn's nach dem Willen meiner Eltern geht wäre das schon sehr bald. Es half alles nichts, es war eine Tatsache, das ich Rafa jetzt vorläufig zum letzten mal sehe. Vor diesem Tag und speziell diesem Moment hatte ich mich seit Wochen gefürchtet und jetzt saß ich hier. Wie ich dann merkte, war das Lächeln von Rafa auch verschwunden. Sein Blick gefiel mir gar nicht, ich sah ihm an was er dachte. Ich kannte ihn lange genug um zu wissen was in ihm vorgeht, schwer war's ja auch nicht zu erraten. Ich hing meinen Gedanken nach und liess meinen Blick schweifen.

Soll es das jetzt gewesen sein mit uns? Das wir uns jetzt anschwiegen sagte eigentlich auch schon alles. Es gab eigentlich auch nichts mehr zu sagen, in den letzten Wochen hatten wir stundenlang immer wieder über das gleiche Thema geredet und immer mit der Erkenntnis, das es keinen Ausweg gibt. Ich hatte auch daran gedacht das es vielleicht besser ist wenn wir einen Schlussstrich ziehen und getrennte Wege gehen aber das würde ich nicht fertig bringen, dazu bedeutet er mir zu viel. Ich fasste schließlich meinen Mut zusammen und sah wieder zu Rafa. Mir ging so viel durch den Kopf, ich wusste nicht was ich eigentlich sagen wollte. “Ich will nicht weg” Sagte ich leise und irgendwie auch mehr zu mir selbst. Rafa sah mich dann an und kaute nervös auf seiner Unterlippe. Das er nichts sagte, konnte ich irgendwie verstehen. Was wenn wir uns heute und jetzt wirklich zum letzten mal sehen? Diese Frage schwebt schon fast sichtbar durch das Zimmer. Das war ein echter Albtraum, ich fühlte mich als würde mir jemand den Boden unter den Füssen wegziehen. Ab morgen würde für mich ein neues Leben anfangen, 1500 Kilometer entfernt von hier in einem anderen Land. Ein Leben, das ich so nie wollte, dafür aber meine Eltern. Ich hasste sie dafür, das sie das machten. Wenn sie unbedingt umziehen wollten, von mir aus aber warum musste es Deutschland sein? Ich kannte niemanden dort und war auch höchstens mal im Urlaub dort gewesen, mein Leben war hier auf Mallorca und das sollte jetzt plötzlich alles vom einen Tag auf den anderen vorbei sein? Ich fühlte mich total machtlos und hintergangen von meinen Eltern. Die haben keine Ahnung, was das für mich bedeutet. Mein Vater meinte mal, ich würde schon neue Freunde finden in Deutschland. Als wäre das so einfach! Vielleicht wollte ich ja gar keine neuen Freunde? Ich wollte auch keinen neuen Freund. Wäre ich mit Rafa zusammen wenn er mir nichts bedeuten würde? Manchmal glaubte ich meine Eltern kapieren gar nichts. Ich wurde das Gefühl nicht los, das meine Eltern glauben das ich nicht weiss was Liebe ist. Oder besser gesagt, dass ich das mit 15 noch nicht wissen kann. Da war ich anderer Meinung aber mich fragte ja sowieso niemand. Da war wie so eine Stimme in meinem Unterbewusstsein und die sagte mir, dass das hier das Ende ist. Ich hatte keine Möglichkeit mal eben hier her zu fliegen, davon abgesehen würden meine Eltern das nie erlauben.

“Diana” Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und sah wieder zu Rafa. Im nächsten Moment rückte er so nah es ging an mich. Seinen Blick konnte ich nicht länger ertragen also schloss ich meine Augen und liess meinen Kopf auf seine Schulter fallen. Ich wünschte, wir könnten ewig so sitzen bleiben, ich wollte ihn gar nicht mehr los lassen. In meinem Kopf schwirrten immer die gleichen Fragen umher. Warum ich? Warum nur? Es fiel mir zusehens schwerer nicht die Beherrschung zu verlieren. Es hatte mich schon gewundert, das es bis jetzt ging aber ich konnte nicht mehr. Meine Nerven waren schon total runter. Ich wollte mich nicht gehen lassen um es nicht alles noch schwerer zu machen aber ich fürchte, das werde ich nicht schaffen. Ich musste kräftig schlucken und spürte schon, wie mir das Wasser langsam in die Augen stieg. “Hey, das wird schon wieder” Wieso glaubte ich ihm das nicht? Rafa fuhr mit seinen Händen meinen Rücken langsam auf und ab und wollte mich wohl beruhigen. Normalerweise klappte das auch immer aber heute wird's wohl schwer werden. “Glaubst du das wirklich?” Fragte ich mehr mich selbst. Ich würde mir auch gerne einreden, das es irgendwie wird aber das war eine Illusion. Ich löste mich etwas von ihm und sah ihn dann wieder an. “Ich liebe dich Rafa” Wenigstens huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. “Ich dich auch” Das klang gut, obwohl ich das nicht zum ersten mal hörte. “Ich vermisse dich jetzt schon” Sagte ich leise und hielt seinem Blick stand. Leider sah er nach unten auf seine Hände. Ich wusste, das er um Fassung ringt. “Ich will nicht das du gehst” Kam es nach ein paar Sekunden leise. Das führte nur dazu, das bei mir noch mehr Tränen flossen. Ich wollte auch nicht gehen. Es war nicht meine Absicht ihn hier alleine zu lassen während ich ein neues Leben anfange. Kurz sah ich auf meine Uhr, ich musste gleich los! Oh Gott, wie ich Abschiede hasste. Ich wünschte, es wäre alles schon vorbei. Es hatte so was entgültiges. Mir machte der Gedanke Rafa jetzt zum letzten mal zu sehen wirklich Angst. Was würde aus uns werden? Ich wollte die Antwort darauf gar nicht wissen. “Ich muss los” Sagte ich leise und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Die Stimmung wurde immer angespannter. Rafa nickte leicht und hob dann seinen Kopf. “Ok” Kam es leise. Bevor ich etwas sagen konnte, floss eine einzelne Träne seine Wange nach unten. Ich wischte ihm mit dem Daumen die Träne weg und umarmte ihn wieder. Rafa in Tränen zu sehen zeriss mir förmlich das Herz. Ich kann den Anblick einfach nicht ertragen vor allem mit dem Wissen das ich Schuld daran bin. Ich wartete ein paar Minuten bevor ich seine Hände in meine nahm und ihn wieder ansah. “Ich rufe dich an wenn ich in Deutschland gelandet bin” “Mhh” Kam es kaum hörbar. Da es ja alles nichts nutzte, standen wir auf und liefen zur Tür. Rafa zog ein Lächeln obwohl ich wusste, wie schwer ihm das jetzt fiel. “Ich wünsche dir einen guten Flug und viel Glück beim Start in dein neues Leben” Ich schluckte wieder und wischte mir eifrig die Tränen weg. “Höre auf so zu reden als würden wir uns nie mehr sehen. Das ich woanders wohne, heißt nicht das ich dich vergesse. Ich werde dich nicht vergessen, niemals” ”Bin ich ja beruhigt” Ich schnappte nach Luft und überlegte was ich noch sage. Eigentlich wollte ich nur gehen. Es war alles gesagt und lange halte ich das nicht mehr aus. Es wird nur immer schlimmer je länger ich hier bin. “Ich wünsche dir was und pass auf dich auf. Wir sehen uns wieder ... irgendwann!” Den Blick von Rafa konnte ich nicht länger ertragen. Ich fühlte mich schon schlecht genug und Rafa so zu sehen macht alles viel schlimmer. Ich küsste ihn kurz und wollte gehen, nur liess er mich nicht los. Er stand direkt vor mir und sah in meine Augen. “Adíos” Da er seine Umarmung etwas lockerte, ging ich einen Schritt von ihm weg. “Adíos” Kurz dachte ich daran ihn noch mal zu umarmen aber es wird nur immer schwerer und ich musste gehen. Ich liess seine Hand dann los und drehte mich um. Langsam verließ ich sein Zimmer ohne mich noch mal umzudrehen. Ich wusste, das ich total zusammenbreche wenn ich mich jetzt noch mal umdrehe.

Ich rannte die Treppen nach unten und dann auf die Strasse. Ich musste mich erstmal wieder sammeln und in Ruhe Luft holen. Es war als schnürte mir etwas die Kehle zu. Wie in Trance lief ich zurück zu unserer Wohnung und sah schon meine Eltern mit Gepäck vor dem Haus stehen als ich um die Ecke bog. Ich holte tief Luft und sprach mir selber Trost zu, das ich versuchen werde mich zu beherrschen. Wortlos nahm ich meinen Rucksack und starrte einfach geradeaus. Mein Kopf war total leer, ich fühlte mich wie in einem Traum, einem ganz schlechten! Nach ein paar Minuten hielt ein Taxi direkt vor uns. Ohne ein Wort zu sagen stieg ich ein und schlang meine Arme um meinen Rucksack auf meinem Schoss. Als alles verstaut war, fuhren wir auch schon los. Ich sah die Strassen von Manacor an mir vorbeiziehen aber so richtig nahm ich das gar nicht mehr wahr. Bald verschwanden die letzten Häuser der Stadt und wir waren auf der Autobahn auf dem Weg nach Palma zum Flughafen.

Als das Flugzeug 3 Stunden später abhob ahnte ich, das dies ein Abschied für immer war. Nur war ich in einer Art Schockzustand und liess das alles an mir vorbeiziehen. Wir flogen erst über die Insel, bis sie immer kleiner wurde und schließlich am Horizont im blauen Meer verschwand. Das war es also, jetzt würde sozusagen mein neues Leben beginnen, weit weg von Manacor, Mallorca und vor allem ohne Rafa.

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