Lange konnten wir leider nicht am Strand bleiben, da wir ja erst am Nachmittag angekommen waren und der Tag sich langsam dem Ende neigte. In den nächsten Tagen haben wir aber ja viel Zeit faul am Strand zu liegen. Wir gingen erstmal zum Abendessen ins Hotel zurück. Zum Glück stellte sich das Hotel als Glücksgriff raus, es gab nichts schlimmeres als ein Hotel mit schlechtem Essen. Dann ärgert man sich zwei Wochen lang und trauert seinem Geld nach. Die Urlaubsstimmung wäre dann gleich gedrückt. Wir hatten ein drei Sterne Hotel gebucht aber da gab es ja noch große Unterschiede.
Abends wollten wir es langsam angehen lassen, es war ja auch erst unser erster Tag hier. Ich war jedenfalls nicht hier um mich 2 Wochen lang hemmungslos zu besaufen, dann hätten wir auch die Playa de Palma buchen müssen, hier schien sich der Sauftourismus in Grenzen zu halten. Wir setzten uns in ein Restaurant mit Meerblick und tranken gemütlich Cocktails während die Sonne im Meer versank. Hach, an den Anblick könnte ich mich gewöhnen! Um 11 hatten wir genug für den ersten Tag und liefen ins Hotel zurück. Morgen erstmal lange ausschlafen und dann würden wir morgen mit Sicherheit nicht schon um 11 ins Bett gehen. Juli war zu erst im Bad duschen also setzte ich mich derweil im Zimmer aufs Bett und schaltete den TV an. Ich wollte eigentlich nur mal sehen was in der Welt passiert war und suchte so was wie einen Nachrichtensender. Nach ein bisschen zapping blieb ich bei TVE hängen. Da würden mir meine Spanischkenntnisse direkt mal was nutzen. War doch schön, wenn man alles verstehen konnte. Ich schrieb nebenbei eine sms an meine Mutter, wollte ja mal ein Lebenszeichen von mir geben. Gestört wurde ich dann als ich den Name Rafa Nadal hörte. Hatte ich jetzt schon Halluzinationen oder wie?
Ich sah nach oben auf den TV und schluckte erstmal. Je mehr die zeigten umso nervöser wurde ich. Nach dem unglaublichen Sieg in Wimbledon gab es vor ein paar Tagen einen Empfang für Rafa in Manacor und so wie es aussah, kriegten sich die Medien überhaupt nicht mehr ein. Ich hatte mir alle Mühe gegeben nicht an ihn zu denken und jetzt das! Ich wusste ja, das mich das einholen würde egal wie viel Mühe ich mir auch gebe nicht daran zu denken. Es war komisch ihn im TV zu sehen obwohl ich ihn da nicht zum ersten mal sah. Noch komischer war was mit ihm inzwischen alles passiert war. Als ich damals Mallorca verlassen habe wusste ich ja wie gut er Tennis spielt aber das er soweit kommt und so eine steile Karriere hinlegt war schon erstaunlich. Da er früher schon wie ein Besessener trainierte ahnte ich das er es früher oder später zu etwas bringen würde aber mit Anfang 20 schon ganz an der Spitze zu sein war doch auch nicht schlecht. In den letzten Jahren hat er so ziemlich alles abgeräumt was es zu gewinnen gab. Außer ein Turnier, Wimbledon aber das konnte man seit letzter Woche auch als abgehakt von der to do List bezeichnen. Das war echt ein irres Finale gegen Roger Federer, zum Glück mit dem besseren Ausgang für Rafa. Ich war ja schon kurz vorm Herzinfarkt, so spannend war das gewesen.
Jetzt fehlte ihm ja nur noch die Nummer 1 der Weltrangliste aber das war sicher nur noch eine Zeitfrage. Ich war natürlich an Rafa drangeblieben in den letzten Jahren soweit das machbar war für mich und es fiel mir schwer zu glauben, dass das der gleiche Rafa ist mit dem ich mal zusammen war. Da ich es vom Bad her plätschern hörte, musste ich gleich an Juli denken. Sie wusste zwar, dass ich damals hier einen Freund hatte als ich die Insel verlassen habe aber sie wusste nicht, dass es sich dabei um den wohl bekanntesten Bewohner der ganzen Insel, wenn nichts sogar ganz Spaniens, handelt. Ich hatte fast nie über Rafa gesprochen, mit ihm aber leider auch nicht. Wir hatten zwar noch eine Weile Kontakt aber das hat sich dann so nach und nach verloren. Während ich in Deutschland die Schulbank drückte, flog er um die Welt von einem Turnier zum nächsten. Wir hatten zu wenig über das wir reden konnten da wir beide ein komplett unterschiedliches Leben führten. Ja und wir hatten Eltern die nicht so begeistert waren über unsere Ferngespräche, wenn ich länger als 15 Minuten mit Rafa telefonierte rollten meine Eltern schon mit den Augen und drohten mir schlimme Dinge an. Ein bisschen hatte ich ja geahnt, das wir uns zum letzten mal sehen als ich damals gegangen bin aber als sich das dann auch tatsächlich bewahrheitete, war es umso bitterer. Inzwischen waren zwar sieben Jahre vergangen und ich hatte mich eingelebt in Deutschland aber wie das damals alles abgelaufen ist, verzeihe ich meinen Eltern nie. Sie dachten ich würde mich schon wieder beruhigen aber dem war nicht so, dass würde ich nie vergessen. Immerhin haben sie dann eingesehen, die sie mich damals total übergangen hatten bei ihrer Entscheidung aber es war zu spät jetzt. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen.
Ich hatte ja einen Freund und mir konnte das eigentlich alles total egal sein, war es aber eben nicht. Irgendwie würde ich ihn schon gerne mal sehen, es gab viel zu vieles was wir noch zu klären hätten. Wahrscheinlich ist er aber ja sowieso irgendwo auf der Welt unterwegs und spielt Tennis. Vielleicht war's besser so, ich weiss ja nicht wie er darauf reagiert mich zu sehen. Vielleicht denkt er ja gar nicht mehr daran oder er will nicht daran erinnert werden, verstehen könnte ich es. Ich weiss, das es ihm damals nicht besonders gut ging als ich weg war aber das ging mir ja nicht anders. Mir blieb nur nichts anderes übrig als mich mit der räumlichen Trennung von ihm abzufinden. Wie sagte man so schön, das Leben geht weiter.
“Diana” Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch und sah entgeistert zu Juli, die vor dem Bett stand und sich mit einem Handtuch die Haare abtrocknete. “Ja?” Fragte ich. “Alles ok mit dir?” ”Äh ja wieso?" "Du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen” ”Ach was, ich war nur kurz in Gedanken, nix schlimmes” ”Na wie auch immer, du kannst ins Bad” Ich schickte die sms an meine Mutter noch ab bevor ich aufstand und ins Bad ging um zu duschen. Kaum war ich auch im Bad, stand Juli in der Tür mit einem fragenden Blick. “Ich wollte noch was fragen heute Nachmittag, hab's dann aber vergessen. Als wir am Strand waren stand da ein Schild und da stand Cala Manacor drauf. Wieso heißt das Strand von Manacor wenn wir in Porto Cristo sind?” Kurz dachte ich nach und überlegte wie man das am einfachsten erklären kann.
“Also erstens heißt Cala Bucht und nicht Strand und dann ist es so das der Strand auch noch Platja Porto Cristo heißt und bevor du fragst, Platja heißt Strand auf katalanisch, Playa kannste notfalls auch sagen, wäre dann nur normales spanisch. Jedenfalls war das früher ein kleiner Fischerhafen bevor es den Ort Porto Cristo gab. Damals hieß das ganze Port de Manacor, weil Manacor nun mal der größte Ort hier in der Umgebung ist. Manche sagen auch heute noch Port de Manacor. Die ganze Bucht heißt Cala Manacor” Ich sah schon das es wohl ein paar Minuten dauern würde bis sie alles verstanden hat, es war etwas verwirrend mit den ganzen doppelten Namen. “Ich wusste das du das kennen würdest” Mit einem zufriedenen Gesicht verschwand sie wieder. Das konnte ja noch was werden die nächsten Tage. Hoffentlich fragt sie nicht bei jedem Schild was da drauf steht, ich will nicht zwei Wochen lang Dolmetscher spielen.
In den nächsten Tagen hielten wir uns wie alle Urlauber vorzugsweise am Strand auf. Ich liebte es total faul zu sein und rein gar nichts zu tun. Es war ja nicht so, das wir von früh bis spät total faul waren, wir hatten uns ein Auto gemietet, damit wir wenigstens mobil waren und nicht überall zu Fuß hinlaufen mussten. Ich war schon aufgeregt, als wir an einem Nachmittag nach Manacor fuhren. In der Nähe vom Zentrum parkten wir das Auto und liefen dann zu Fuß weiter. Ich war vielleicht gespannt und aufgeregt gleich das Haus zu sehen in dem ich früher gewohnt hatte.
“Schon aufgeregt?” Konnte sie Gedanken lesen? Ich holte tief Luft und zog ein Lächeln. “Ein bisschen schon” ”Kann ich verstehen, das wäre ich sicher auch an deiner Stelle” Ein bisschen aufgeregt war noch weit untertrieben! Wir schlenderten erstmal bisschen durch die Stadt, ich musste das erstmal alles verarbeiten. Hier sah alles noch genauso aus wie damals. Ich erklärte Juli bisschen was über die Stadt und versuchte mich damit selbst abzulenken. Dann war es endlich soweit! Ich blieb vor dem Haus stehen und sah andächtig nach oben. Es war nichts spezielles, war ein Reihenhaus und sah von außen nicht besonders spektakulär aus. Für deutsche Verhältnisse vielleicht ein wenig dreckig aber hier sah es überall so aus im Sommer. “Ist es das?” Fragte Juli und hielt sich die Hand über die Augen weil die Sonne blendete. “Ja” Sagte ich nur und kämpfte mit meinen Emotionen. “15 Jahre lang habe ich hier gelebt” Murmelte ich leise vor mich hin als müsste ich mich selbst daran erinnern. “Ist ein komisches Gefühl hier zu stehen oder?” Ich musste jetzt doch lachen und nickte mit dem Kopf. “Ist es auch! Ich meine, es kommt mir irgendwie vor als wäre ich nicht weg gewesen, zumindest nicht so lange”
Nach ein paar Minuten liefen wir weiter zur Kathedrale oder war es eine Kirche? Das war jedenfalls das größte Gebäude im Ort, das konnte man gar nicht verfehlen. Ich spürte schon die Unruhe in mir, es wurde schlimmer je näher wir kamen und das lag nicht an der Kirche! Als wir dann direkt davor standen, sah Juli ehrfürchtig nach oben und sagte direkt mal nichts. Sie war jemand der eher zu viel als zu wenig redete. “Kathedrale oder Kirche?” Fragte ich nur da ich den Unterschied nicht wusste und Juli sich damit eindeutig besser auskannte. “Auf jeden Fall neogotischer Baustil. Ist es ein Bischofssitz?” Puh, die stellte Fragen! Bin ich die Allwissende?
“Äh ich weiss nicht genau, ich glaube nicht” ”Dann ist es eine normale Kirche, Kathedrale heißt es nur wenn es ein Bischofssitz ist. Hat die einen Name?” ”Nostra Senyora dels Dolors. Gebaut von Rector Rubí falls dir das was sagt. Daher heißt der Platz auf dem wir eben stehen wohl auch Plaça del Rector Rubí” “Sagt mir nix so spontan” “Ist auch egal, jedenfalls ist es dann eben die größte Kirche auf Mallorca” “Und die Kathedrale in Palma?” Ein breites Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. “Du meinst la Seu, ich habe mir mal sagen lassen das der Glockenturm da oben 80 Meter hoch ist, in Palma kommen die nur auf knapp 68 Meter” “Hast du das auswendig gelernt?” “No, das hatte ich mal in ganz früheren Schuljahren als ich noch hier war gelernt. Irgendwas bleibt eben doch hängen” ”Mhhh” Kam es nur andächtig, bevor sie ihre Kamera zückte und ein paar Bilder machte. Ich liess meinen Blick derweil von der Kirche wegschweifen zu einem Reihenhaus direkt daneben.
Etwas nach Luft schnappen musste ich schon, jetzt nur nichts anmerken lassen. Da in diesem Haus direkt neben diesem monströsen Sakralbau wohnte früher Rafa mit seiner Familie. Vielleicht wohnt er ja auch inzwischen nicht mehr hier. Es hingen Gardinen an den Fenstern aber das musste nichts heißen. Als ich mich etwas genauer umsah, fiel mir auf das diverse Leute das Haus fotografierten. Machten die Bilder davon weil Rafa da wohnte? Oh Gott, das wäre ja irre! Und wenn es so ist woher wissen die dann wo Rafa wohnt? Ok, so riesig war Manacor nun auch nicht aber es stand ja nicht draußen dran wer dort wohnt. Sicher waren in irgendeiner Zeitung Bilder vom Haus wo zufällig die Kirche mit drauf war oder Teile davon. Tja und dann findet es eigentlich jeder Doofe. So verrückt war der Gedanke aber nicht. Immerhin hat er Wimbledon gewonnen und es wäre doch ein schönes Andenken für die Leute das zu fotografieren. Wen interessiert da schon die Kirche direkt daneben! So richtig glauben konnte ich das aber nicht obwohl ich es mit eigenen Augen sah. Irgendwie wäre mir das peinlich hier alles zu fotografieren nur weil Rafa hier wohnt. An den Gedanken, das Rafa jetzt so was wie ein Star war musste ich mich erst gewöhnen. Was machte die eigentlich alle so sicher das Rafa noch hier wohnt? Ich kenne ja die Wohnung und so unheimlich groß war sein Zimmer nun auch nicht. Er ist zwar oft weg so das sich eine eigene Wohnung fast nicht lohnt aber ich zweifelte daran das er wirklich noch hier wohnt auch wenn ich es nicht genauer wusste.
“Diana?” Ich drehte mich zur Seite und bekam erstmal einen Schreck! Stand ich vielleicht mit offenem Mund da? Das konnte ich dann auch nicht ändern jetzt. Nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder gefangen. “Tomeu! Ich fasse es ja nicht!” Ich zog ein breites Lächeln und umarmte ihn kurz. Aww, ich freute mich wirklich ihn zu sehen. Ich sah an ihm nach unten und war direkt wieder sprachlos. Wahnsinn, wie er sich verändert hatte in den letzten Jahren. “Das ist echt eine Überraschung dich hier zu sehen, dachte schon ich täusche mich” ”Ich bin selbst erschrocken dich zu sehen. Wie gehts denn so?” ”Bueno, bist du schon lange hier?” ”Wir sind vor drei Tagen angereist. Eigentlich haben wir ein Hotel in Porto Cristo, ich wollte nur mal sehen was hier so los ist” ”Aha und wie lange bleibst du hier?” ”Zwei Wochen, wollte mal meiner alten Heimat einen Besuch abstatten” ”Irre, die Story wird mir keiner glauben!” ”Warum denn nicht?” ”Na erst hört keiner was jahrelang und dann stehst du plötzlich hier” Ich zuckte mit den Schultern. “Vielleicht treffe ich ja zufällig noch mehr Bekannte von früher” Er schüttelte breit grinsend mit dem Kopf und sah langsam an mir nach unten. “Du siehst noch genauso gut aus wie früher, ach was sage ich, besser als früher” Ich zog ein verlegenes Lächeln und musste kichern. Der hatte früher schon keine Möglichkeit ausgelassen mir klar zu machen das er Interesse an mir hat. Zu dumm das er sich früher beherrschen musste damit er keinen Ärger mit Rafa bekommt. “Gracias, das Kompliment zurück” ”Weiss Rafa das du hier bist?” Bei dem Name Rafa verschwand mein Lächeln gleich wieder. “Um na ja, also ich habe keinen Kontakt zu ihm” ”Sí stimmt, wir feiern morgen den Wimbledonsieg. Es sind alle da, du musst da unbedingt hinkommen” ”Ich bin gar nicht eingeladen” ”Ich habe dich doch eben eingeladen ausserdem weiss ich genau das Rafa nichts dagegen hat wenn du kommst””Ich dachte er ist irgendwo auf der Welt unterwegs” ”Ist er ja auch, er ist nur für zwei Wochen hier bevor er nach Kanada fliegt. Kommst du nun?””Ich weiss nicht so richtig. Wo ist das denn?” ”Bauxa, das kennst du noch no?” Ich musste gleich wieder lachen. “So lange war ich auch nicht weg, klar kenne ich das. Wann geht es denn los?” ”Um zehn” ”Ok, ich überlege es mir. Vielleicht kannst du ja Rafa zumindest vorher einweihen” ”Ist vielleicht besser, auf sein Gesicht bin ich jetzt schon gespannt! Der wird ausflippen” ”Vielleicht ist er ja auch nicht so begeistert mich zu sehen” ”Machst du Witze? Klar freut der sich” ”Ich weiss nicht, ist schliesslich alles sieben Jahre her” ”So sehr hat er sich nun auch nicht verändert” ”Sí ok, ich denke darüber nach” Er sah kurz zu Juli und dann wieder zu mir. ”Super, ich freue mich schon, dann bis vielleicht morgen. Muss jetzt leider weiter” ”Mhh, man sieht sich” ”Hoffe ich doch, adíos” ”Ciao” Er umarmte mich kurz und verschwand dann mit eiligen Schritten.
31 August 2009
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